Über fünfzig Jahre für Haiti.
Aus einem privaten Netzwerk haitianischer und deutscher Mediziner ist einer der ältesten deutschen Hilfsvereine für Haiti entstanden — getragen vom Prinzip der Hilfe zur Selbsthilfe und vom unsichtbaren Faden zwischen Hilden, Düsseldorf und Port-au-Prince.
Eine Idee, in Belgien geboren, und in Haiti verwurzelt.
Anfang der 1970er Jahre trafen sich engagierte Medizinerinnen und Mediziner in Belgien — getragen von der Überzeugung, dass die medizinische Versorgung Haitis eine humanitäre Aufgabe ist, die niemand alleine lösen kann. Aus persönlichen Kontakten entstand ein Netzwerk, aus dem Netzwerk wurden regelmäßige Medikamentensendungen — unkompliziert, direkt, wirkungsvoll.
Vom Netzwerk zum Verein.
Aus persönlichem Engagement wurde Struktur. Aus Medikamentensendungen wurde Entwicklungspartnerschaft.
Die ersten Sendungen rollen.
Gespendete Medikamente wurden gesammelt und regelmäßig nach Haiti versandt. Es gab keine Vereinsstruktur — nur ein persönliches Netzwerk haitianisch-belgischer Mediziner, das sich in stiller Verlässlichkeit über Jahre hielt.
Yves Polynice geht nach Haiti.
Polynice zog zurück in seine Heimat, knüpfte Netzwerke vor Ort, arbeitete mit lokalen Institutionen. Zurück in Deutschland gründete er die Haitianische Vereinigung zur Unterstützung des Krankenwesens — zur Unterstützung der Krankenhäuser in Jacmel und Port-au-Prince. Es entstand das Programm „Haiti Info“ — eine Klinik in jeder Kommune.
Vereinsgründung.
Haitianische und deutsche Ärzte gründeten formell einen Verein, um das haitianische Gesundheitswesen zu unterstützen. Schwerpunkt: medizinische Material- und Medikamentensendungen — der direkte Draht zu den Krankenhäusern blieb erhalten.
Brückenbau zur haitianischen Bauernbewegung.
Der Verein lud zu einer Begegnung mit Père Jean-Marie Vincent nach Düsseldorf ein — Armenpriester und Anführer der haitianischen Bauernbewegung. Eine Begegnung, die in den nächsten Jahren das Klinikprojekt St. Antoine in Ti Tanyen prägen sollte.
Neugründung als Haiti-Med e.V.
Die Erkenntnis: Krankheit, Elend und Hunger lassen sich nicht mit Medikamenten allein bekämpfen. Es folgte die Neugründung mit erweitertem Ansatz — Entwicklungspartnerschaft. Gründungsvorstand: Dr. Birgitt Richter-Polynice, Dr. Jürgen Tannert, Dr. Yves Polynice. Eingetragen im Vereinsregister Amtsgericht Langenfeld VR 496. Im selben Jahr gründete Père Vincent die Klinik St. Antoine in Ti Tanyen — sie sollte später zum wichtigsten Projekt von Haiti-Med werden.
„Krankheit, Elend und Hunger lassen sich nicht mit Medikamenten allein bekämpfen.„
Aufbau vor Ort, Bildung als Antwort.
Lokale Strukturen entstehen, Universitäten werden mitgetragen, die Pharmazie bekommt eigene Hände in Port-au-Prince.
Übernahme der Klinik St. Antoine in Ti Tanyen.
Im August 1994 wurde Père Jean-Marie Vincent ermordet. Haiti-Med übernahm die Trägerschaft der von ihm gegründeten Klinik St. Antoine in Ti Tanyen — und gründete im selben Jahr Haiti-Med Haiti als lokale Partnerorganisation, um die Arbeit direkt vor Ort zu koordinieren.
Übernahme des FONHADES-Sektors.
Haiti-Med Haiti übernahm formell den medizinischen Sektor der gemeinnützigen haitianischen Organisation FONHADES. Im selben Jahr startete das Latrinenbauprogramm in Ti Tanyen — Gesundheitsvorsorge beginnt mit sauberem Wasser.
Pharmazeutisches Praktikumslabor entsteht.
Frau Dr. Elinor Führer (3. Projekteinsatz) und Prof. em. Dr. Claus Führer (Kurzzeitdozentur) richteten ein pharmazeutisches Praktikumslabor an der staatlichen Universität ein und bauten Salben-, Kapsel- und Desinfektionsmittel-Herstellung auf. Diverse Geld- und Sachspenden ermöglichten zwei Rezepturarbeitsplätze. Die Firma 4C wurde angeregt, ein eigenes galenisches Labor einzurichten.
Tagung „Haiti — von Frauen getragen“.
Im Rahmen der Düsseldorfer Eine-Welt-Tage richtete der Verein eine Tagung im Haus der Kirche aus. Über 120 Besucher, der haitianische Botschafter aus Berlin, Mitveranstalter aus mehreren haitianisch-deutschen Organisationen, Gemäldeausstellung Zaneda. Ein Wendepunkt in der Außenwirkung: Haiti-Med wurde sichtbar als Kulturvermittler.
Mitaufbau der Universität UNIFA.
Mitaufbau der Université de la Fondation Aristide (UNIFA) in Tabarre, in Partnerschaft mit der Fondation Aristide, Taiwan und Kuba — inklusive angeschlossener Universitätsklinik. Lehrkräfte wurden finanziert. Dr. Yves Polynice übernahm als Dekan die Verantwortung für die Universitätsklinik.
Symposium „Die Ernte im Ausland“.
12. Symposium des Vereins. Thema: „Auf dem Weg in das Jahr 2004 — die traurige Bestandsaufnahme nach 200 Jahren Unabhängigkeit.“ Diskutiert wurde die Rolle haitianischer Fachkräfte im Ausland — das sogenannte 10. Departement. Mitveranstalter: Amitié France-Haiti, Botschaft Haitis Berlin, Frauen für Haiti, Eine-Welt-Forum Düsseldorf, HIB Köln, Lebensmission e.V., Peter-Hesse-Stiftung.
Politische Umbrüche und stille Konsolidierung.
Mitten im politischen Umsturz hielt die Arbeit. Die Gesundheitszentren liefen mit klar abgegrenzten Programmen weiter.
UNIFA zerstört — Wiederaufbau aus den Trümmern.
Im Februar 2004 wurde Präsident Aristide ins Exil nach Südafrika gebracht. Rebellen zerstörten die Volksuniversität mit der Medizinischen Fakultät vollständig — die UNIFA, an deren Aufbau Haiti-Med drei Jahre zuvor mitgewirkt hatte. Nach zwei Jahren UN-Besetzung wurde die Universität befreit und der Lehrbetrieb mit Unterstützung des Vereins wieder aufgenommen. Yves Polynice war in dieser Zeit als Berater für Gesundheit Kabinettsmitglied unter Präsident Aristide.
Hurrikan-Saison: Spendenaufruf für Ti Tanyen.
Vier Hurrikane (Fay, Gustav, Hanna, Ike) verwüsteten Haiti binnen weniger Wochen. Haiti-Med rief zu Spenden für Ti Tanyen auf. Im Oktober reagierte die Ökumenische Initiative für die 3. Welt Erkrath mit einer ersten großen Aktion „Faires Essen für Arme in Haiti“; Polynice referierte. Der Grundstein für die langjährige Erkrather Partnerschaft.
Erdbeben — und der größte Hilfeaufruf der Vereinsgeschichte.
230.000 Tote, 1,2 Millionen Obdachlose. Die Klinik in Ti Tanyen blieb unbeschädigt und behandelte Erdbebenopfer kostenlos. Aus Deutschland kamen 151.000 € an Spenden — dreihundert Prozent mehr als sonst.
Ti Tanyen behandelte Erdbebenopfer kostenlos.
Beim schweren Erdbeben starben rund 230.000 Menschen, 1,2 Millionen wurden obdachlos. Das Gesundheitszentrum Tabarre brach auseinander, das Labor wurde zerstört. Cité Siclait verlor das obere Stockwerk — medizinisches Material wurde verschüttet. Allein die Klinik in Ti Tanyen blieb unbeschädigt und behandelte Erdbebenopfer in den Tagen danach kostenlos. Aus dieser Stunde erwuchs der größte Hilfeaufruf der Vereinsgeschichte.
„Haiti für Jahrzehnte zurückgeworfen“.
Das dpa-Interview mit Polynice ging durch die deutschen Redaktionen. Die WZ berichtete über Rettungstrupps aus dem Rheinland. Der Verein wurde über Nacht zur ersten Adresse für Haiti-Berichterstattung in NRW.
„Haiti ist um Jahrzehnte zurückgeworfen. Aber dieses Land hat schon ganz andere Schläge überlebt.“ — Dr. Yves Polynice, dpa-Interview 14.01.2010
Coliquio startete Spendenkampagne für Haiti-Med.
Felix Rademacher, Mitgründer des Ärzte-Netzwerks Coliquio GmbH, startete eine spontane Aktion zugunsten Haiti-Med: 10 Euro pro Neuregistrierung gingen an den Verein. Kollegensolidarität in der Praxis — und der Beginn einer langjährigen Verbindung.
Theresienschule Hilden wurde Schul-Partnerin.
Die Schülerinnen der Theresienschule Hilden beschlossen eigene Aktivitäten zugunsten Haitis: Spendensteine, Osterkarten und Aktionen mit Pater Elex aus Frechen. Vorstand und Geschäftsführung Haiti-Med stellten in der Schule die Wiederaufbauschritte vor. Eine Schul-Partnerschaft, die bis heute trägt.
Bilanz: 151.000 € Spenden in 2010.
Bei der Bilanz-Pressekonferenz wurde klar: 151.000 Euro waren 2010 eingegangen — 300 Prozent mehr als sonst. 46.000 € flossen in Direkthilfe, 41.000 € in Wiederaufbau und ein neues Kinderheim. Die Stadt Hilden steuerte 57.000 € bei (1 Euro pro Einwohner). Geplant wurde das Schul- und Gesundheitszentrum in Croix-des-Bouquets in Kooperation mit der katholischen Kirchengemeinde Frechen.
Was bleibt, wenn man fünfzig Jahre durchhält.
Konbit — und die Antwort auf Hurrikan Matthew.
Aus der jährlichen Oktoberveranstaltung wurde eine Marke: Konbit. Aus dem haitianischen Wort für Gemeinsame Arbeit wurde ein Kulturfest, das Düsseldorf jedes Jahr nach Haiti holte.
Erstes Konbit: „Tanz mit den Göttern“.
Aus dem haitianischen Wort für „Gemeinsame Arbeit“ wurde der Markenname für die jährliche Oktoberveranstaltung. Beim ersten Konbit im Gemeindesaal an der Schlosskirche traten Fanm Lakay, art-oriental Berlin und Trommelgruppen auf. Aus diesem Saal wurde der jährliche Treffpunkt der Düsseldorfer Diaspora.
Konbit „La Reine Soleil“ — Geburtsstunde von „12 Voices of Haiti“.
TiCorn („Ak tout kè l“) mit Brahm Heidl u0026 Donald Holtermanns, Vodoudancers Berlin (Zsuzsa Parrag), Renes BBWI Lophanor, Fanm Lakay und DJ Oboja Adu. Aus den Auftritten erwuchs der Album-Plan zu „12 Voices of Haiti“, das 2016 erschien — eine direkte musikalische Frucht der Konbit-Reihe.
Antwort auf Hurrikan Matthew: „Nobody is Haiti“.
Nach Hurrikan Matthew, der den Süden Haitis verwüstete, schwenkte Haiti-Med zum mehrsprachigen Aufruf „Nous sommes Haiti / Nobody is Haiti“. Schwerpunkt der Hilfen: Region Les Cayes, zwei Jahre lang. Das Versprechen: 2.000 Kindern täglich eine warme Mahlzeit.
Konbit + Kunst-Kampagne „Nobody is Haiti“.
Konbit mit Förderung des Eine-Welt-Beirats der Landeshauptstadt Düsseldorf. Auf der Bühne: TiCorn u0026 Friends, Vodoudancers Berlin, Fanm Lakay, Don Pelo, Renès BBWI Lophanor, Paulo Cedraz. Parallel lief die Aktion „Nobody is Haiti“ mit dem spanischen Künstler Miguel Villalba Sánchez — ein mehrsprachiger Aufruf in DE, FR und EN.
Wiederaufnahme nach der Pandemie.
Konbit kommt zurück. Ein neuer Vorstand wurde gewählt. Die Diaspora wächst — und mit ihr die Verantwortung.
Konbit kehrte zurück.
Mit dem ersten Konbit nach der Pandemie kehrte die Veranstaltungsreihe nach Düsseldorf-Eller zurück. Auf der Bühne: TiCorn, Erzählerin Rose Esther und die Tanzgruppe Fanm Lakay; DJ Jean-Luc lehrte „Konpa“. Förderung erneut durch den Eine-Welt-Beirat.
Konbit 2024 — Eintritt frei.
Konbit im Gemeindesaal an der Schlosskirche — Eintritt frei, Förderung durch den Eine-Welt-Beirat. Die Veranstaltung war voller denn je, und die jüngere Generation der Diaspora übernahm zunehmend die Organisation.
Der Generationswechsel — bewusst übergeben, damit das Engagement lebt.
Über fünfzig Jahre nach den ersten Hilfssendungen steht Haiti-Med vor einer neuen, ebenso bedeutsamen Aufgabe: Vereinsführung und Projektverantwortung werden Schritt für Schritt an jüngere Menschen übergeben — damit die Verantwortung für Haiti nicht mit einer Generation endet, sondern lebt und wächst. Wir freuen uns über jede Haitianerin und jeden Haitianer in Deutschland, die in unserem Verein eine neue Heimat für ihr Engagement findet.
Fünfzig Jahre tragen nur, wenn jemand sie weiterträgt.
Mit Ihrer Spende sichern Sie das nächste Kapitel: das Stipendienprogramm, das Gesundheitszentrum in Ti Tanyen, das jährliche Konbit. Direkt, transparent, ohne Umwege.